Bettina kenne ich seit dreißig Jahren. Wir haben zusammen studiert, sie war Trauzeugin bei meiner Hochzeit, und wir sehen uns alle zwei Wochen. Sie kennt mein Gesicht so gut wie ihr eigenes.
Sie saß bei mir am Küchentisch und hat von ihrem Sohn erzählt. Mitten im Satz hat sie aufgehört zu reden. Dann hat sie sich vorgebeugt und mich angeschaut, richtig angeschaut, so wie man ein Auto anschaut, das man kaufen will.
„Sag mal. Was hast du machen lassen?"
Ich habe gelacht. Sie nicht.
Sie hat angefangen aufzuzählen. Ob es Botox war. Ob ich mir die Nasolabialfalte habe unterspritzen lassen. Ob das ein Fadenlifting war, weil das ja jetzt alle machen und man es angeblich nicht sieht. Bei welchem Arzt. Was es gekostet hat.
Ich habe gesagt, dass ich bei keinem war.
„Andrea. Ich kenne dein Gesicht seit dreißig Jahren."
Und dann kam der Satz, der ein bisschen wehtat und gleichzeitig das größte Kompliment war, das ich seit Jahren bekommen habe:
„Du musst das doch nicht vor mir verheimlichen. Ich hätte es dir doch gegönnt."
Sie war beleidigt. Nicht wegen einer Operation. Sondern weil sie dachte, ich hätte ihr etwas Wichtiges verschwiegen.
Ich bin aufgestanden, ins Bad gegangen, habe den Spender geholt und ihn ihr auf den Tisch gestellt.
Sie hat ihn in die Hand genommen, umgedreht, die Rückseite gelesen. Dann hat sie gefragt: „Das ist alles?"
Das ist alles.
„Seit wann?"
Seit acht Monaten. Morgens und abends.
Sie hat ihr Handy rausgeholt und die Rückseite abfotografiert. Ohne ein weiteres Wort.
Als sie weg war, bin ich ins Bad gegangen und habe mich im Spiegel angeschaut. Und dann habe ich geheult. Eine erwachsene Frau, 54 Jahre alt, heulend vor dem eigenen Badezimmerspiegel.
Nicht wegen des Kompliments. Sondern weil ich im Februar vor denselben Spiegel gestanden hatte, nach den Hochzeitsfotos, und gedacht hatte: Das bleibt jetzt so.